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Wie man auf dem Klo richtig bescheißt

Pädagoge beim Turnier in Lampertheim mit Pocket Fritz erwischt

von FM Hartmut Metz, Fotos mit Erlaubnis von ChessBase, 11. Januar 2003

mehr Schachtexte von Hartmut Metz

 

   Bisher umwehte Schachspieler mehr als ein Hauch von Intelligenz, Logik und kühlem rationalen Denken. Angesichts der jüngsten Vorfälle muss man aber daran zweifeln, ob die Spezies wirklich zu den herausragenden Geistern dieses Planeten zählen. Gewiss, die Pleite, die der Weltranglistenerste Garri Kasparow mit der Webseite Kasparov Chess Online in Israel erlitt, ist allein kein Indiz. Da haben andere Investoren während des Internet-Hypes weit mehr Millionen versenkt. Kasparow reiht sich damit nur in die Reihe anderer Sport-Asse wie Boris Becker (bezeichnenderweise Hobby-Schachspieler) ein, die von Wirtschaft weit weniger verstehen als von ihrem ureigenen Metier.

   Anderes gibt mehr zu denken über die Szene, die sich auf den 64 Feldern bewegt: Nicht nur, dass sie gegen tumbe Elektronenhirne verlieren - jetzt benutzen die Schachspieler auch noch Computer falsch! Ende 1998 hatte der durchschnittliche Amateurspieler Clemens Allwermann die Konkurrenten noch mit gewisser Raffinesse genarrt. Mit clever ausgetüftelter Übertragungstechnik übermittelte der ehemalige Selbständige in der Unterhaltungselektronik die Züge des Gegners zu einem Helfer. Dieser gab die Antworten in das Programm "Fritz" ein, danach erhielt Allwermann die Vorschläge des Computers im unter langem Haar versteckten Empfangsgerät mitgeteilt. 1.660 Mark gewann der Berkheimer dadurch als Co-Sieger des Turniers in Böblingen. Sein Coup platzte nur, weil er in der letzten Runde im Überschwang der Gefühle Großmeister Sergej Kalinitschew ein "Matt in acht Zügen" angekündigt hatte. In komplizierter Stellung können das aber nur Computer.

   Noch weniger Geschick bewies am Jahresende der Hesse Wolfgang Siegler - um nicht zu sagen, dass er den humorvollen englischen Titel "Wie man beim Schach bescheißt" offensichtlich nicht richtig gelesen hat. Beim Open in Lampertheim verschwand der Lorscher in den ersten Runden häufig vom Brett, obwohl er am Zug war. Anschließend verblüffte er die Kontrahenten nach seiner Rückkehr mit einer postwendenden Antwort. Das machte einige Teilnehmer stutzig, weshalb sich Schiedsrichter Markus Keller in der sechsten Partie an Sieglers Fersen heftete. Auf der Toilette angelangt, vernahm der Referee zunächst keine entlastenden Geräusche, die auf normale Erleichterung schließen ließen. Auf dem stillen Örtchen wartete Keller geduldig im Vorraum, ehe er nach ein paar Minuten doch einen Blick unter der Tür hindurch wagte. Siegler hatte sich fatalerweise mit den Füßen parallel zur Toilette postiert, was eine übliche Beschäftigung in der Kabine unmöglich machte. Deshalb kletterte der gewitzte Unparteiische auf die Nachbartoilette und lugte über die Seitenwand. "Tatsächlich - Herr S. hielt ein Handheld mit einem laufenden Schachprogramm in der einen Hand, mit der anderen bewegte er einen Stift", berichtete Keller von seiner Entdeckung.

   Siegler versuchte sich herauszuwinden. Er habe "nur E-Mails bearbeitet", lautete seine Entschuldigung. Den Minicomputer wollte er indes dem Schiedsrichter nicht zur Kontrolle aushändigen. Kurzerhand disqualifizierte Keller den Spieler, der wortlos von dannen schlich. Der Lampertheimer Turnierleiter will nun noch über die Verbände eine Sperre erwirken, die einst auch den Bajuwaren Allwermann ereilt hatte.

   Die Firma Chessbase "bedankte sich" nicht nur bei Siegler, weil er sich für ihr Produkt "Pocket Fritz entschieden hat". Die einem Ulk nie abgeneigten Hamburger kündigten auch gleich flink auf ihrer Homepage (www.chessbase.de) ein "Starter-Kit für elektronisches Doping" an. Wo bleibt schließlich die ordentliche Ausbildung, wenn selbst Pädagogen wie Siegler, der mit einigen Schützlingen seiner Schach-AG in Lampertheim weilte, nicht in der Lage sind, den Kindern richtig das Bescheißen beizubringen?

 

Schach-Betrug mit Computer

Falsch! Dieser Spieler arbeitet ohne Sichtschutz und darf sich nicht wundern, dass er erwischt wird.

 

Schach-Betrug mit Computer

Besser, aber noch nicht perfekt. Versierte Schiedsrichter werden sofort das verdächtige Licht am Schirmrand entdecken.

 

Schach-Betrug mit Computer

So ist es richtig. Niemand wird vermuten, dass Sie mit unerlaubten Hilfsmitteln arbeiten.

 

    Chessbase scherzte, demnächst den Fachhandel mit "Pocket Fritz Tournament" bestücken zu wollen. "Zum Trainieren unter realen Turnierbedingungen" enthalte der Lieferumfang "Pocket Fritz 2.0 samt Pocket PC mit WC-Kit und externer Tastatur. Klobrille in pflegeleichter Plastik- oder geschmackvoller Holzausführung wählbar". Chessbase warnt vor falschem Spiel, zeigt aber jenen, die dennoch betrügen wollen, wie man es richtig macht: Zunächst seien die Toilettengänge "psychologisch vorzubereiten", rät Autor André Schulz und empfiehlt vor der Partie dem Gegner zu eröffnen, "ich gebe Ihnen lieber nicht die Hand, weil ich eine Magen-Darm-Grippe habe." Die Fußstellung sei "toilettenspezifisch" zu halten, sprich immer die Beine richtig zur Schüssel postieren. Und am besten als Sichtschutz noch zusätzlich einen Regenschirm aufspannen, um auch gegen neugierige Blicke von oben gewappnet zu sein! Ist das alles so schwer? Mit nur ein bisschen Logik hätte das doch jeder halbwegs intelligente Schachspieler selbst herausbekommen können …

   Nachstehend zwei nette Partien aus den 40er Jahren, die beweisen, dass schnelle Siege auch ohne Computer-Hilfe möglich sind.

 










W: Russakow - Werlinski
Moskau 1947

 

1.e4 e5 2.c3 Sc6 3.d4 Sf6 4.Lg5 h6 5.Lh4 g5 6.Lg3 exd4 7.e5 dxc3 8.exf6 cxb2! 9.De2+ De7!! 10.fxe7 Lg7 Der Freibauer auf b2 ist gedeckt und steht bereit zur Damenumwandlung. Daher: 0-1

 

 










W: Helms S: Tenner
New York 1942

 

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Das Evans-Gambit, benannt nach dem englischen Marineoffizier Evans (1790-1872) ist auch heute noch eine gefährliche Waffe. 4...Lb6 Schwarz verzichtet auf die übliche Fortsetzung Lxb4. 5.a4 a6 6.a5 La7 7.b5 axb5 8.Lxb5 Sf6 9.La3 Sxe4!? [ 9...d6 nebst Rochade ist vorsichtiger.] 10.De2!? Sxf2? [ 10...Lxf2+ 11.Kf1 f5 ist noch unklar, weil 12.d3? an 12...Sd4 13.Sxd4 Lxd4 scheitert.] 11.Sxe5 Sd4 Ist Weiß damit überlistet? 12.Sxd7+!! Nein! 12...Sxe2 13.Sf6# 1-0

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